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„Was ist den bloß los mit den Dänen?“
Diese Serie möchte Ihnen Dänemark näher bringen.
 
Wer sind die Dänen, wie ticken sie – und wie lebt es sich eigentlich im dänischen Modell-Wohlfahrtsstaat ? Welchen Einfluss haben Geschichte, Mythen und Anekdoten, aktuelle Politik, Selbstverständnis und viele andere Faktoren auf die Arbeit als ErzieherIn, LehrerIn oder PädagogeIn und nicht zuletzt auf die übergeordnete Planung und Leitung im sozialen und pädagogischen Bereich?
 
Das möchten wir hier gerne genauer beschreiben und erklären.

Von Grundtvig zur ”CPR-Nummer” – Schlüsselzahlen zum Königreich

Dänemark ist ein Wohlfahrtsstaat, in dem man erst einmal keine Leistungen erbringen muss, um öffentliche Versorgung zu erhalten. Bildung, medizinische Versorgung, Arbeitslosengeld und Rente werden aber durch hohe Steuern finanziert: der niedrigste Steuersatz liegt bei 37%, der durchschnittliche bei 50%.

Wer denkt, dass sich die DänInnen darüber beklagen, irrt.

9 von 10 geben an, ihre Steuern „mit Freude“ zu bezahlen. Genauso gilt, dass manch einer über die hohe Steuerlast stöhnt und das System gerne geändert sähe. Das Bewusstsein über die Versorgungssicherheit und das Vertrauen darin, dass Steuergelder anständig verwaltet und gerecht verteilt werden, ist dennoch hoch.

Die historischen Wurzeln dieser Anschauung kann man unter anderem auf einen der großen dänischen Vordenker zu Allgemeinbildung und Chancengleichheit zurückführen.

Wenn wenige zu viel und noch weniger zu wenig haben

N.F.S. Grundtvig war Pfarrer, Dichter und Politiker, der rege an den Debatten zum ersten Grundgesetz teilnahm. Dieses Grundgesetz machte 1849 aus dem absolutistischen Königreich eine konstitutionelle Monarchie mit einer demokratischeren Regierungsform.

Bis heute kennt man die Textzeile aus einem von Grundtvigs Psalmen, die als Grundformel des heutigen Wohlfahrtsstaates gelten kann: „Erst dann haben wir es zu wirklichem Reichtum gebracht, wenn wenige zu viel und noch weniger zu wenig haben“.

Das soziale Netz ist engmaschig und vorderstes Ziel ist es, soziale, bildungsmäßige und andere Ungleichheiten auszugleichen.

Die logistische Voraussetzung für dieses ambitionierte und vielfach gelungene Konzept ist:

Die CPR-Nummer

Wird man in Dänemark geboren, so wird man spätestens 14 Tage nach der Geburt im zentralen Personenregister eingetragen. Man erhält eine Personennummer (CPR-nummer), die bis zum Tod gilt und bis dahin alles, was zum Leben gehört erfasst und registriert. Das System wurde 1968 eingeführt und ist heute ein selbstverständlicher Teil des Alltags.

Wie die DänInnen ihre CPR-Nummer nutzen, ist unabdingbar mit der hohen Digitalisierung des Landes verknüpft, wo Dänemark im europäischen Spitzenfeld liegt. Über 90% der Bevölkerung benutzen ihren Computer und ihre elektronische Identifikationsnummer, wenn sie beispielsweise ihren Hochzeitstermin im Rathaus buchen (oder die Scheidung registrieren lassen), ihr Kind in der Kita oder Schule anmelden, eine Übersiedlung bekannt geben, ihren Führerschein oder Pass beantragen möchten … die Liste ist umfassend.

Umgekehrt erhalten die Dänen behördliche Mitteilungen nicht mehr in den Briefkasten, sondern in ihr digitales Postfach, ob es sich um wichtige Informationen, Mahnungen oder Erinnerungen an Impftermine handelt.

Es mag scheinen, als hätte „Big Brother“, den Weg gefunden, „den gläsernen Menschen“ zu überwachen. Die meisten Dänen empfinden dies allerdings überhaupt nicht so. Im Gegenteil: sie finden es bequem und praktisch, Behördenwege von zuhause vom Sofa aus erledigen zu können. Schlange stehen im Bürgeramt gehört der Vorzeit an.

Wenn allerdings – selten – Probleme oder Fragen auftauchen, die persönliche Beratung erfordern, kann die Warteschlange am Telefon lang sein ….

Gibt es ein Leben nach dem Tod - ohne CPR-Nummer?

Niemand in Dänemark konnte sich das Lachen verkneifen, als das System seine Schwachstellen zeigte.

Vor einigen Jahren wurde im jütländischen Grauballe eine gut erhaltene, 2000 Jahre alte Moorleiche gefunden. Um mehr über das Leben unseres Ahnen zu erfahren, brachte man den Fund ins Krankenhaus, um u.a. MRT-Untersuchungen durchzuführen.

Es kam zu einem totalen Systemzusammenbruch, denn der Mann hat keinen Namen und keine CPR-Nummer!

Die Lösung des Problems war pragmatisch und einfach – und wurde gegen alle streng geltenden Regeln der Anonymisierung von Namen und zugehöriger CPR- Nummer in sämtlichen Medien des Landes bekannt gegeben:  Man gab dem „Grauballe-Mann“ seinen Namen und die fiktive CPR-Nummer 111111-1111.

Den Untersuchungen stand nichts mehr im Wege und heute kann die berühmteste Moorleiche des Landes im Museum Moesgaard in Aarhus besichtig werden.

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