Die dänische Regierung konzentriert sich erneut auf die Optimierung der Frühintervention in den Kommunen des Landes. Für die kommenden 5 Jahre wurden daher finanzielle Mittel für die Entwicklung dieses Bereiches bereitgestellt – und darüber freue ich mich sehr.  Ich habe kürzlich an einer VIVE-Konferenz (VIVE = Das dänische Center für Forschung und Analyse im Wohlfahrtsbereich) zum Thema „Frühintervention – was funktioniert“ teilgenommen. Hier wurde mehr als deutlich gemacht, dass das forschungsbasierte Wissen, das wir über die Auswirkungen der Frühintervention haben, noch lange nicht in die Praxis umgesetzt ist. Seit 1998 arbeite ich an verschiedenen Projekten in Dänemark mit, in denen untersucht wird, wie wir als Fachleute besser darin werden, früher einzugreifen und zusammenzuarbeiten, wenn Kinder und ihre Familien nicht gedeihen. Meine Kurse in Frühintervention konzentrieren sich, neben dem grundlegenden Verständnis der Problematik vor allem darauf, wie wir als Fachleute unsere Sinne für die Früherkennung schärfen – und auf der Grundlage eines gemeinsamen Verständnisses und einer gemeinsamen Methode zusammenarbeiten können. Meiner Erfahrung nach ist die Qualität der Frühintervention landesweit sehr unterschiedlich. Der Mangel an Wissen und Interdisziplinarität ist oft unterschiedlich oder nicht vorhanden.  Meine Erfahrungen und Ansichten wurden durch die verschiedenen Präsentationen auf der VIVE-Forschungskonferenz in Kopenhagen unterstützt.  Einer der Redner, den ich zitieren möchte, ist Rasmus Landersø, denn sein Vortrag bestätigte mich in dem, womit ich in meinen Kursen und Therapieverläufen arbeite.

Formale Ähnlichkeiten - reale Ungleichheiten

Rasmus Landersø ist promovierter Wirtschaftswissenschaftler und Seniorforscher in der Forschungsabteilung der „Rockwool Foundation“. Gemeinsam mit dem amerikanischen Ökonomen und Nobelpreisträger James J. Heckman forscht er zu Frühförderung, sozialer Mobilität und Ungleichheit.

„Kinder werden mit unterschiedlichen Voraussetzungen geboren, ihre Fähigkeiten zu entwickeln. Daher können Chancen und Angebote, die formal gleich sind, am Ende denjenigen, die bereits den stärksten Ausgangspunkt haben, effektiv mehr Nutzen bringen. Wenn wir allen Kindern die gleichen Chancen geben wollen, ist es wichtig, dass wir als Gesellschaft frühzeitig handeln, um frühe Ungleichheiten zu korrigieren“, sagte Rasmus Landersø.

Er zeigte die sogenannte Heckman-Kurve und veranschaulichte den Zusammenhang zwischen dem zu erwartenden Effekt der Frühintervention und dem Alter des Kindes: Je früher der Einsatz, desto größer der Effekt. Oder umgekehrt: Je älter das Kind, desto geringer der Nutzen der Intervention. Und der Unterschied in den kognitiven und sozioemotionalen Fähigkeiten zwischen ressourcenstarken und ressourcenschwachen Kindern zeigt sich umso ausgeprägter, je älter das Kind ist.

„Wenn wir zu spät handeln, hat der Schneeballeffekt bereits eingesetzt – entweder zum Guten oder zum Schlechten und dann besteht unsere Aufgabe darin, diesem Effekt entgegen zu arbeiten „, sagte Landersø. 

Er betonte, dass Kinder lernen können und müssen, sowohl „Soft Skills“ als auch „Hard Skills“ zu erlernen. Und je früher dies in der Kindheit geschieht, desto größer der Effekt.

Wenn gratis nicht ausreicht

Landersø sprach auch darüber, dass markante Unterschiede in der Lernfähigkeit von Kindern u. A. vom sozialen oder bildungsmäßigen Hintergrund der Eltern abhängig sind, und dass diese Unterschiede frühzeitig über soziale Grenzen hinweg erkennbar sind.

Ungleichheiten können während des gesamten Lebens bestehen bleiben und die durchschnittlichen Unterschiede, die wir früh sehen, bleiben „von der Wiege bis zur Bahre“ bestehen. Er argumentierte, dass die frühzeitige Intervention Schlüssel zur sozialen Mobilität ist. Er sagte auch, dass dies eine hohe Qualität der öffentlichen Dienstleistungen für Kinder und Eltern erfordert. Landersø wies auf die Herausforderungen des dänischen Wohlfahrtsstaates hin. Formal geben wir allen Kindern die gleichen Chancen, indem wir unter anderem Tagesbetreuung, Grundschulen und kostenlose Bildung anbieten und fragte: „Was tun wir, wenn gratis nicht ausreicht?“Oversættelse til Tysk. 

Landersø schloss seine Präsentation mit der Aufforderung zur Reflexion und Selbstkritik an der Art und Weise, wie wir als Profis an unsere Arbeitsaufgaben herangehen. Es geht nicht darum, Schuldzuweisungen vorzunehmen, sondern darum, uns die Frage zu stellen: „Wie können wir es besser machen?“. In Bereich der Frühintervention ist noch mehr Wissen erforderlich, sowohl in Bezug darauf, wie allen Kindern am besten geholfen werden kann, ihre Fähigkeiten zu entwickeln als auch insgesamt die Wurzeln der Ungleichheiten, die wir von der Wiege bis zur Bahre sehen, zu verstehen und aufzudecken.

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