Bist du irre, wir haben es weit gebracht in Dänemark.

Von der ersten psychiatrischen Klinik (dem Irrenhaus), die 1816 in Roskilde gegründet wurde, bis heute, wo Menschen mit ihren unterschiedlichen kognitiven, mentalen und anderen Herausforderungen in den betreuten Wohneinrichtungen des Landes gut versorgt werden.

Kürzlich sah ich eine Sendung mit Mitarbeitern/-innen von TV-Glad, die das 20-jährige Bestehen ihres Senders feierten. TV-Glad ist ein Fernsehkanal, dessen Programme von Menschen mit verschiedenartigen Entwicklungsstörungen produziert werden. Die Sendung löste Gedanken aus.

Es gibt Vieles, worauf wir stolz sein können, wenn wir uns ansehen, wie wir heute mit den Mitbürgern/-innen umgehen, die ihr Leben außerhalb der Norm leben.

Der staatliche Einsatz im Behindertenbereich beginnen historisch gesehen mit der Absicht, den Rest der Gesellschaft vor Menschen zu „schützen“, die als „dumm, verrückt, schwachsinnig, debil, degeneriert“ eingestuft wurden oder einfach nicht hineinpassten, weil sie alt, arm – oder leichtsinnige Frauenzimmer waren. Es wurde keine Unterschiede gemacht und diese Menschen wurden pauschal als „die Anderen“ klassifiziert.

Aber lassen wir es der Vergangenheit zugutekommen, dass professionelles Wissen und Einsichten knapp waren.

Wir können froh sein, dass wir so viel besser in der Unterscheidung zwischen Diagnosen geworden sind, dass die Behandlungsmethoden präziser geworden sind, und dass sich die Lebensbedingungen und unser allgemeines Bild von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen oder Entwicklungsstörungen verändert haben.

Es gibt einige Meilensteine in dieser Entwicklung

Zum Beispiel die Sozialreform von K.K. Steincke 1933, als der Staat erstmals die Finanzierung von „bedürftigen Dummen“ übernahm. Und das Dienstleistungsgesetz 1998, als Menschen mit Entwicklungsstörungen das Recht auf ein individuelles Wohn- und Beschäftigungsangebot garantiert wurde, bis hin zur Ratifizierung des UN-Behindertengesetzes im Jahr 2009. Vieles mehr kann hier erwähnt werden.

Wir haben einen langen Weg zurückgelegt von den Irrenanstalten mit großen Gemeinschaftsschlafsälen, Gefängnisanzug-ähnlicher Uniformkleidung, Mahlzeiten aus verdorbenen Essensresten, Behandlungen mit falschen und manchmal lebensbedrohlichen Medikamenten und dem Mangel an Verständnis, Professionalität und Sorgfalt im Umgang mit den Bewohnern/-innen.

Viel ist seitdem in Dänemark passiert

Ich selbst habe einige unvergessliche Kindheitserinnerungen aus den frühen 70er Jahren, als mein Großvater Leiter einer „Anstalt für geistig Behinderte“ war, wie man das damals nannte.
Einen Ort mit so vielen spannenden – zugegebenermaßen etwas „seltsamen“ – Menschen zu besuchen, war für mich als kleines Mädchen immer ein Erlebnis. Ich erinnere mich daran, als die riesengroßen Schlafsäle durch den Neubau kleinerer Wohneinheiten ersetzt wurden, und dass die ehemalige Anstalt zu einer dorfähnlichen Gemeinschaft wurde, in der sogar eine kleine Kirche errichtet wurde.

Ich erinnere mich an einige der Bewohner: an den, der als Gärtner „angeheuert“ wurde, an den, der bei gemeinsamen Feiern immer der „Festredner“ war – und nicht zuletzt an den „alten Svend“, der am Down-Syndrom litt. Ich erinnere mich an den Tag in der Kirche, als meine beiden jüngeren Geschwister getauft werden sollten, und an meine eigene ängstliche Anspannung über all die Festivitäten.

Aber Svend entdeckte meine Angst, ergriff meine Hand und sagte zu mir: „Hab keine Angst, liebes kleines Fräulein.“
Meine Angst verschwand, weil ich mich beschützt, einbezogen und integriert fühlte in die Welt eines Menschen mit besonderen Herausforderungen. Wäre Svend heute noch am Leben, würde er niemals in einer Anstalt untergebracht werden, sondern in ambulante Betreuung unterstützt.

Ja, in Dänemark ist viel passiert und es gibt einige Paradigmenwechsel, auf die wir stolz sein können. Statt pseudowissenschaftlicher Annahmen haben heute die Erkenntnisse wissenschaftlicher Forschung Gültigkeit. Fachliches Wissen wird in professionellen Ausbildungen weitervermittelt und gezielt im praktischen Alltag im sonderpädagogischen Bereich umgesetzt.

Ab und an kann man heute zwar versucht sein, den Mangel an Ressourcen und Fachpersonal zu beklagen. Ich glaube aber trotzdem, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Wie einer der Reporter von TV-Glad es ausdrückte: „Das Beste an TV-Glad ist, dass es uns mit unseren unterschiedlichen Bedürfnissen möglich ist, auf unsere eigene einzigartige Weise zur Gesellschaft beizutragen – genauso wie wir sind.“

Ganz so irre ist das wohl nicht …

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